
Gertraudenhain
Der Gertraudenhain ist eine wachsende skulpturale Intervention von Christof Zwiener, die inmitten eines durch Luft- und Umweltverschmutzung belasteten Stadtraums Wurzeln schlägt. Grundlage ist das Wiederaufforstungskonzept „Tiny Forest“ des japanischen Botanikers Akira Miyawaki. Auf verdichteter urbaner Fläche entsteht ein dichter, artenreicher Miniwald, der als begehbare Struktur zugleich Skulptur und ökologischer Lebensraum ist. Spätestens im Sommer 2025 soll hier ein eigenständiges Mikroklima spürbar werden.
Der Gertraudenhain versteht sich als künstlerischer und sozial-ökologischer Prozess. Die Nachbari:innenschaft wird aktiv in Entwicklung und Pflege eingebunden. Das Projekt schafft Raum für Austausch über Fragen der Stadtentwicklung und Nachhaltigkeit ebenso wie über das Verhältnis von Kunst, Kultur und Stadt sowie deren Produktion.
Zur aktuellen Situation und Perspektive (Stand Feb. 2026)
Nach einer ausführlichen Stellungnahme des Berliner Staatssekretärs für Mobilität und Verkehr, Arne Herz, steht fest, dass Ende 2026 die Bauarbeiten für die neue Gertraudenbrücke beginnen werden. Das gesamte Gebiet rund um Spitteleck und Wallstraße ist davon betroffen. Die Maßnahmen werden voraussichtlich mindestens bis 2029 andauern. Ein Kompromiss für den dauerhaften Erhalt des Tiny Forest Gertraudenhains am bisherigen Standort konnte leider nicht erzielt werden.
Dankenswerterweise haben das Straßen- und Grünflächenamt vom Bezirk Mitte sowie die zuständigen Stellen einer Verlängerung am Standort Spittelmarkt bis Ende Oktober 2026 zugestimmt. Damit bleibt Zeit, den Umzug sorgfältig, nachhaltig und ökologisch vorzubereiten.
Gleichzeitig eröffnet sich eine positive Perspektive: Als neuer Standort wurde von verschiedenen Seiten – auch aus dem Bezirksamt Mitte – die derzeit versiegelte Freifläche vor der Leipziger Straße 54 (vor dem WBM-Gebäude) vorgeschlagen. Ein Tiny Forest an diesem Ort wäre städtebaulich folgerichtig und würde einen deutlichen Mehrwert schaffen.
Der Wald könnte dort dauerhaft zu einer lebendigen Einladung für Nachbarinnen, Besucherinnen des Museums der Dinge und Passantinnen werden. Er würde Natur und Klima stärken sowie Austausch, Begegnung und gemeinsames Erleben ermöglichen – Qualitäten, die dieser dicht bebaute Abschnitt der Leipziger Straße dringend benötigt.
Das Gertraudenhain-Mitmach-Team, die Partner*innen von Miya e.V und KARUNA eG wartet derzeit auf die notwendige Genehmigung des Bezirksamts Mitte, um den Umzug vorbereiten und die langfristige Sicherung des Projekts gewährleisten zu können.
Zum Künstler
Christof Zwiener (*1972 in Osnabrück) studierte Interdisziplinäre Bildhauerei an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. In seiner künstlerischen Arbeit setzt er sich mit berlinspezifischen Aspekten des öffentlichen Raums auseinander – darunter Transformation, Verdrängung, Verdichtung, Gentrifizierung sowie die gesellschaftlichen und politischen Einflüsse auf dessen Wahrnehmung.
Ein zentrales Motiv seiner Arbeit ist die Überlagerung von Zeiten: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind für ihn unmittelbar mit einem Gegenstand, einer Situation, einem Gebäude oder einem Ort verknüpft. Temporäre Situationen im öffentlichen Raum besitzen für Zwiener dabei eine spezifische Atmosphäre oder Aura.
In den vergangenen Jahren kuratierte er zahlreiche Projekte im öffentlichen Raum, darunter die Berlin Britzenale sowie das aktuelle Projekt BETON Berlin. Die von ihm recherchierten und gemeinsam mit Künstler:innen entwickelten Orte – Räume, Plätze, Nischen oder Zwischenräume – sind häufig aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden oder kulturell unsichtbar geworden. Seine Arbeiten machen diese verborgenen Ebenen sichtbar und verhandelbar.
KISR Leipziger Straße (2023-25)
Die Leipziger Straße in Berlin-Mitte verbindet von West nach Ost den Leipziger Platz mit dem Spittelmarkt. Entlang dieser 1,5 Kilometer langen Magistralen befinden sich heute Ministerien, Botschaften, Museen, Galerien, ein Kunstverein und Projekträume, ein Musikkindergarten, Blumenläden, Supermärkte, Brautmodengeschäfte, Apotheken und ein Wochenmarkt. Ab der Kreuzung Charlottenstraße in Richtung Osten gleicht sie einer Autobahntrasse mit insgesamt acht Fahrbahnen, die den Stadtraum durchschneiden. Dass hier 6.500 Menschen leben, wird meist übersehen.
Die Leipziger Straße bietet aufgrund des hier wirkenden Zusammenspiels von Geschichte, gesellschaftlichen Visionen, den damit verbundenen architektonischen und stadtplanerischen Entwürfen im Spiegel seiner aktuellen Nutzung und Wandel hin zu einem resilienten Stadtquartier, das Terrain für eine interessante künstlerische Auseinandersetzung – die für ein möglichst breites Spektrum künstlerischer Herangehensweisen geöffnet ist. Vor diesem Hintergrund lobte das Bezirksamt Mitte von Berlin einen einphasigen, nichtoffenen und anonymen Kunstwettbewerb. Die Auswahl der Künstler*innen erfolgte über ein vorgeschaltetes berlin- und brandenburgweit offenes und nicht anonymes Bewerbungsverfahren. Im Zeitraum ab Frühjahr 2024 bis Ende 2025 werden drei temporäre Kunstwerke/ künstlerische Interventionen dort im Stadtraum realisiert. Ein umfangreiches Vermittlungs- und Diskursprogramm bietet darüber hinaus konkrete Anlässe, um sich intensiv mit Kunst im Stadtraum, Architektur und Stadtentwicklung auseinanderzusetzen und ins Gespräch zu kommen.
KISR Leipziger Straße (2023-25)
Projektleitung: Judith Laub
Projektkoordination: Julius Kaftan und Cleo Wächter
Wettbewerbsbetreuung: Birgit Schlieps und Michaela Nasoetion
KISR Leipziger Straße ist Teil des Projekts Pop-Up-Mitte und wird finanziert über das Bundesprogramm „Zukunftsfähige Innenstädte und Zentren“ des Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen sowie auf Empfehlung des Beratungsausschusses Kunst (BAK) aus gesamtstädtischen Mitteln der Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt.



